Ein geflügeltes Herz im Sand

Mit einem Bauchnabelpiercing hatte ich an jenem Tag wirklich nicht gerechnet, als ich in Hamburg durch die Boberger Dünen schlenderte, ohne festes Ziel und ohne Eile – ein Zustand, der mir im echten Leben selten gelingt, sich beim Wandern aber leicht und wie von selbst einstellt. Ich bleibe stehen, wenn mir etwas auffällt, gehe ein paar Schritte zurück, weil ich glaube, aus dem Augenwinkel etwas gesehen zu haben, und komme auf diese Weise meistens deutlich langsamer voran, als ich es geplant hatte. Meine Aufmerksamkeit wandert dabei fast von selbst über den Boden, wo es ja auch immer eine Menge zu entdecken gibt.
Zwischen den Sandkörnern blitzte plötzlich etwas Rosa auf. Zuerst hielt ich es für ein Stück Plastik, davon liegt ja leider überall genug herum, doch dieses Funkeln war besonders intensiv. In meiner Hand lag schließlich ein kleines Herz aus rosa Zirkonia, gehalten von zwei silbernen Flügelchen, die bereits dunkel angelaufen waren. Sonne, Wind und Sand hatten sichtbar ihre Spuren hinterlassen, nur das Rosa leuchtete noch immer mit unzähligen kleinen Lichtreflexen in der Sonne.

Erstaunlich, was die Leute nicht alles verlieren – und was ich im Gegenzug für Merkwürdigkeiten mit nach Hause trage. Je weniger ich mich darum bemühe, desto häufiger liegen diese kleinsten Fundstücke plötzlich vor meinen Füßen. Während ich glaube, meine Kunst zu entwickeln, formt sie längst auch meinen Blick auf die Welt.
Ich frage mich bei solchen Funden gern, wann ein persönlicher Schatz eigentlich aufhört, ein Schatz zu sein. Wann beginnt ein Gegenstand, niemandem mehr zu fehlen und einfach Teil der Landschaft zu sein? Ich werde es nie erfahren, denn Fundstücke verraten ihre Geschichte nie vollständig. Sie erzählen gerade genug, um meine Fantasie in Bewegung zu setzen, und überlassen mir den Rest zum Zusammendenken. Genau darin liegt für mich ihr eigentlicher Zauber.
Das kleine Herz zog mit mir nach Hause und landete auf meinem Arbeitstisch, mitten zwischen Samenkapseln, vertrockneten Pflanzenresten, bizarren Holzstückchen und all den anderen Dingen, die irgendwann aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gefallen sind. Ich nahm es in die Hand, legte es beiseite, betrachtete das rosa Funkeln zwischen den dunklen Silberflügeln – und irgendwann wurde mir klar, was ich da eigentlich gefunden hatte: ein Bauchnabelpiercing. Und mit ihm, ganz unerwartet, kam der Titel meines neuen Werkes.
Der Nabel der Welt.
Seitdem begleitet mich dieser Gedanke durch den Juli.
Die Mitte des Sommers
Der Juli fühlt sich auch an wie die Mitte eines langen Atemzuges. Hinter mir liegen die ersten sechs Monate des Jahres mit all den Hoffnungen, Umwegen und kleinen Überraschungen. Vor mir liegen weitere sechs, von denen ich noch nicht viel weiß, und dazwischen breitet sich dieser Sommer aus, als wolle er für einen kurzen Moment alles gleichzeitig und vollkommen sein. Ich möchte in diesen Wochen am liebsten weder zurückschauen noch vorausdenken, sondern einfach dort bleiben, wo ich gerade bin. Mal sehen, wie mir das gelingen wird.
Die Sonne taucht Wiesen, Wälder und Felder in das warme Gelb, das ich für diesen Monat gewählt habe. Vor einigen Tagen war ich noch mit dem Fahrrad unterwegs, als die goldene Stunde begann. Nur für wenige Augenblicke brach die Sonne durch die Wolken und ließ die wilde Wiese aufleuchten, als hätte jemand sie mit Gold übergossen. Ein kurzer, beinahe unwirklicher Moment, der genauso schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Ich freue mich, dass ich mein Handy noch schnell genug aus der Tasche ziehen konnte für diesen Schnappschuss.

Dieses Licht bringt selbst gewöhnliche Dinge zum Leuchten. Auch das kleine rosa Herz hätte ich ohne dieses Sonnenlicht vermutlich nie entdeckt.
Gelb erzählt allerdings nicht nur von wohliger Wärme. Es ist auch die Farbe des Blitzes: Dieselbe Kraft, die sommerliche Abende in Gold taucht, entlädt sich wenige Zeit später unter Umständen im Gewitter. Gerade noch wirkt alles vollkommen ruhig, da schiebt sich schon eine dunkle Wolkenwand vor die Sonne.

Sommerhitze und Regen, Aufbruch und Abschied liegen im Juli oft nur so kurz auseinander, dass man sich noch so eben ins Trockene retten kann. Ich empfinde diesen Monat gerade deshalb als besonders reich, weil er keine eindeutigen Entscheidungen zulässt. Im Gegenteil: Der Regen nach einer Hitzewelle ist eine echte Wohltat – der Juli lädt mich ein, beides zu genießen.
Fülle oder Nullpunkt?

Es gilt sicherlich nicht nur für den Sommer: Je voller das Leben wird, desto näher liegt alles beieinander. Erinnerungen tauchen auf, schöne und weniger schöne, während gleichzeitig Neues beginnt. Schönes und weniger schönes. Manche Möglichkeiten öffnen sich genau in dem Moment, in dem andere endgültig verschwinden.
Alles scheint gleichzeitig seinen Höhepunkt erreichen zu wollen.
Im Juli muss ich gar nicht erst versuchen, diese Gegensätze aufzulösen. Ich werde sie einfach aushalten müssen – und genau darin liegt für mich die eigentliche Gelassenheit, in der ich mich gern noch weiter üben möchte.

Gleichzeitig kreisen meine Gedanken weiter um den Nabel der Welt.
Ein Bauchnabel erzählt von unserem zentralen Ursprung, von einer Verbindung, die längst getrennt wurde und trotzdem sichtbar bleibt. Vermutlich suchen wir alle irgendwann so einen Mittelpunkt, an dem sich alles erklären lässt und sich gut und richtig anfühlt.
Aber was genau ist nun diese viel genannte Mitte, nach der wir alle suchen? Ist der Nabel der Welt der Ort größter Fülle, oder ist er genau das Gegenteil, ein Nullpunkt? Je länger ich darüber nachdenke, desto ähnlicher erscheinen mir beide Möglichkeiten. Ein Nullpunkt ist zunächst das absolute Nichts. Es trägt aber gleichzeitig jede denkbare Richtung bereits in sich – vom Nullpunkt aus kann sich endlose Weite öffnen, eine Welle, ein Gedanke, ein ganzes Leben. Fülle beginnt möglicherweise in genau jenem Augenblick, in dem alles verschwunden scheint, lange bevor etwas neues sichtbar ist und greifbar wird.
Der Juli fühlt sich für mich ganz ähnlich an. Die Vegetation zeigt ihre volle Farbpalette. Die verschiedensten Blüten duften um die Wette - und kündigt dabei schon den Wandel an: Die Wiesen stehen in sattem Grün, während die ersten Halme goldgelb leuchtend zu trocknen beginnen. Alles wächst und vergeht in diesen Wochen fast im selben Atemzug, und genau das gehört für mich untrennbar zusammen.
Federzeichen – Der Nabel der Welt

So entstand wieder einmal aus einem kleinen Fundstück ein neues Werk mit dem Titel „Nabel der Welt“ aus der Serie „Federzeichen“. Wie so oft erzählt dabei nicht ein einzelnes Material die ganze Geschichte, sondern ihr Zusammenspiel: Gräser bilden die Landschaft, ein Rosendorn wurde zum Dornenvogel, die gelbe Sittichfeder streift den Bildrand wie ein Sonnenstrahl, und aus einer Erlenfrucht entstand ein echter Erlenzaunkönig. Dazu gesellen sich Mohnkapseln, Flatterulmensamen, Birkensamenblätter, Erbsenranken, Verpackungspapier, ein Keramikzigarettenfilter, ein Kontrollzettelchen mit der Nr. 49 und weitere Pflanzenreste, die unterwegs ihren Weg zu mir gefunden haben. Und eher am Rande das kleine geflügelte Herz, das Fragment eines verloren gegangenen Bauchnabelpiercings. Es ist zwar Namensgeber für diese Arbeit. Trotzdem ist es nicht mehr oder weniger wichtig für diese Szene als all die anderen kleinsten Kleinigkeiten.
Ob Dornenrest vom letzten Rosenschnitt oder Fragment eines fremden Bauchnabelschmucks – für mich sind das die Materialien, die von Ewigkeit und Bedeutung erzählen, ohne je in Stein gemeißelt worden zu sein. Meine Werkzeuge sind die Randnotizen des Alltags, die wir meist übersehen und die ich gerade darum mit Begeisterung aufhebe.
Manchmal genügt tatsächlich ein einziges Fundstück, um einen Gedanken in Bewegung zu setzen. Alles andere sammelt sich nach und nach darum herum, als hätte es schon immer dorthin gehört. Vermutlich liegt der Nabel der Welt genau überall dort, wo gerade unsere Aufmerksamkeit hinwandert.
Ich bin sehr neugierig, welche Geschichten Sie in dieser Szene wiederfinden und freue mich auf Ihre Berichte.
Sommerliche Grüße aus dem Atelier
Magdalena Hohlweg
Hier geht es zu den weiteren Monatsnotizen:
November – Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!
März – Die Kunst des Hinschauens
April – Finde heraus, was Du wirklich willst
Juno - Die Kunst der Unvollkommenheit
Die Monatsimpulse sind mein Langzeitprojekt, das mit dem Jahreslauf wächst.
Sie sind jetzt auch als Podcast auf Youtube zu hören und unter dem Titel ZEIT für KUNST auch auf Spotify zu finden.

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