oder - die Weisheit der verschrumpelten Hagebutte
Endlich Frühling. Endlich dieses zarte Grün, das sich plötzlich überall zeigt, als hätte die Welt über Nacht beschlossen, sich doch noch einmal neu zu erfinden. Kaum scheint die Sonne ein paar Tage zuverlässig durch die Fenster, beginnt man bereits, an Aufbruch zu glauben, an Wachstum, an Wärme – und steht dann morgens frierend vor einer dünnen Schicht Rauhreif, die sich vollkommen unbeeindruckt über sämtliche Frühlingsgefühle gelegt hat.
Der Mai beherrscht diese Art von Täuschungsmanöver ganz hervorragend. Tagsüber lockt er mit Licht und Leichtigkeit, nachts schickt er die Kalte Sophie vorbei, um allzu euphorische Vorhaben erst mal wieder einzuhegen. Wer in diesem Monat zu früh pflanzt oder sich zu schnell vom ersten warmen Sonnenstrahl überzeugen lässt, riskiert nicht selten eine kleine botanische Tragödie im Balkonkasten. Es ist jedes Jahr dasselbe – und trotzdem tappt man mit erstaunlicher Zuverlässigkeit wieder hinein.
Genau das macht diese Zeit aus: der Mai ist kein Monat für Menschen, die gern mal ein Kapitel überspringen. Er verlangt Geduld, genaues Hinschauen und die Bereitschaft, nicht alles sofort als fertig oder endgültig zu betrachten.
Warum die Kalte Sophie eine gute Beraterin ist
Sophia bedeutet Weisheit.
Die Kalte Sophie klingt erst einmal nicht nach einer warmherzigen Umarmung. Eher nach kalten Füßen, schlecht isolierten Altbauten und der Notwendigkeit einer Wärmflasche im Bett. Dabei ist ihr Name gar nicht so frostig gemeint, sondern hat viel mehr mit einer sehr alten Vorstellung von Weisheit zu tun.
Gemeint ist nicht jene hektische Form von Klugheit, die pausenlos Lösungen produzieren und alles sofort optimieren möchte. Eher beschreibt der Name eine Weisheit, die beobachtet, bevor sie urteilt, und sich nicht vom ersten Eindruck blenden lässt.
Und warum kommt sie so „kalt“ daher, die gute Sophie? Beim Anblick erfrorener Balkonpflänzchen denke ich zunächst ehrlich gesagt auch nicht sofort an höhere Erkenntnis. In solchen Momenten wirkt die Eisheilige eher sogar ein kleines bisschen boshaft. Doch je weniger ich mich über ihre frostigen Überraschungen ärgere, desto deutlicher wird mir: Dahinter steckt weniger Hinterlist als Konsequenz.
Nicht jede Lebenssituation lässt sich verhandeln – und das Wetter schon gar nicht. Das Jahr gibt den Rhythmus vor, und mir bleibt wenig anderes übrig, als mich ihm anzuschließen. Lediglich das Gartencenter dürfte zuverlässig profitieren, wenn ich meine Sommerbepflanzung wieder zu optimistisch einkaufe, erfrieren lasse und denselben Einkauf später, nach überwundenem Beleidigtsein, mit frischer Zuversicht noch einmal tätige.
Von Werken, die sich nicht beeindrucken lassen
Es wäre geschönt zu behaupten, dass alle meine Ideen gelingen und sich jedes meiner Werke bereitwillig vollenden lässt. Leider entwickeln sich manche Arbeiten ausgesprochen sperrig. Sie wollen einfach nicht gelingen, wochenlang liegen sie herum, weil sie sich in eine Richtung wenden, die ich ursprünglich ganz sicher vermeiden wollte.
Früher hielt ich solche Phasen für Scheitern. Inzwischen kann ich etwas besser akzeptieren, dass manche Dinge schlicht ihre eigene Zeit brauchen – oder dass ich einfach nur meine zu festen Vorstellungen aufgeben muss, um etwas neues spannendes wachsen zu lassen.
Manche Werke sind dabei dem Mai erstaunlich ähnlich: Sie sehen bereits vielversprechend aus, verlangen aber noch Geduld, Umwege und Vertrauen.
Die Amsel, die Hagebutte und die Frage der Verwertbarkeit
Wenn ich im Mai nach draußen gehe, um Fundstücke zu sammeln, begegnet mir selten jene üppige Frühlingsromantik, die Gartenkataloge so gern versprechen. Stattdessen wirkt die Natur oft, als hätte sie einen langen Winter nur mit knapper Mühe hinter sich gebracht. Zwischen den ersten zarten Knospen liegen zerzauste Zweige, brüchige Überreste des vergangenen Jahres und allerlei Dinge herum, die ihre besten Zeiten sichtbar bereits erlebt haben.
Und dann hängen dort manchmal noch diese alten Hagebutten.
Im Herbst waren sie noch leuchtend rot und wirkten wie frisch poliert. Nun erscheinen sie matt und dunkel, schrumpelig und leicht verwittert. Schönheitspreise gewinnen sie keine mehr. Die Amseln scheinen das ähnlich zu sehen und ignorieren diese letzten Reste konsequent. In Fragen unmittelbarer Verwertbarkeit muss die Amsel natürlich kompromissloser sein als ich.
Mich faszinieren diese letzten Hagebutten gerade wegen ihres Zustands. Sie haben Frost überstanden, Stürmen getrotzt, monatelang durchgehalten und hängen immer noch dort, weit entfernt von allgemeinen Schönheitsidealen.

Je länger ich sie betrachte, desto interessanter erscheinen sie mir.
Warum mich das Übersehene so anzieht
Die weniger perfekten Dinge fesseln mich oft besonders wegen ihrer Spuren, die sie tragen. Frische Früchte gefallen schnell, alte erzählen mehr. Ein verschrammelter Hemdknopf auf dem Gehweg trägt die Spuren unzähliger Schritte – geformt von Menschen, die vorbei gehastet sind. In den verschrumpelten Hagebutten steckt Zeit, Wachstum und Vergehen, Widerstand und trotz allem eine eigentümliche Form von Würde, bei der es nicht darum geht, gefallen zu wollen.
Genau solche Fundstücke landen später vereinzelt und sorgfältig platziert in meinen Arbeiten – nicht trotz ihrer Gebrauchsspuren, sondern wegen ihnen.
Überhaupt entdecke ich vieles erst beim zweiten Blick. Das gilt für Materialien ebenso wie für angefangene Werke oder Ideen, die ich beinahe verworfen hätte. Manches, das zunächst unfertig, seltsam oder schlicht misslungen wirkt, beginnt erst mit etwas Abstand seine eigentliche Geschichte zu erzählen.
Für mich ist das eine der wichtigsten Lektionen, die mir der Mai jedes Jahr aufs Neue erteilt: Nicht alles zeigt seinen Wert sofort.
Die Wahrheit der Hobelspäne
In meiner Arbeit wandert mein Blick an den großen Ereignissen vorbei und bleibt stattdessen an dem hängen, was danebenliegt. An Resten, Überbleibseln, Hobelspänen und scheinbar nebensächlichen Fragmenten.
Denn gerade dort verbirgt sich häufig die eigentliche Herkunft einer Geschichte: seine Struktur, Farbreste, Fundort, all die Eigenschaften, die im perfekten Endprodukt keine sichtbare Rolle mehr spielen müssen.
Der geschmirgelte, imposante Holzklotz zieht zwar die Aufmerksamkeit auf sich, doch die Hobelspäne verraten, woher er kommt.
Die Zwischenräume faszinieren mich sehr – jene scheinbar bedeutungslosen Bereiche, an denen wir täglich achtlos vorbeigehen. Dort, wo vieles unfertig oder unscheinbar wirkt, beginnt für mich die eigentliche Suche.
Schwarz als Zaubertopf
Für diesen Monat habe ich die Farbe Schwarz gewählt. Ohne Pessimismus betrachtet verkörpert Schwarz für mich Tiefe und Geheimnisse.
Schwarz verschluckt nicht nur Licht, sondern auch Gewissheiten. Gerade deshalb macht diese Farbe mich neugierig. Unter ihrer Oberfläche scheint immer noch etwas verborgen zu liegen – Erinnerungen, Geschichten, Abgründe oder Möglichkeiten, die sich nicht sofort zeigen.
Ohne Schwarz gäbe es keine klaren Konturen, keine Schärfe und kein Leuchten. Erst der Schatten verleiht den anderen Farben ihre Kraft.
Schwarz verliert ein wenig seiner Schrecken, wenn ich es mir wie einen Zaubertopf vorstelle, aus dessen Tiefen unerwartet die buntesten Dinge auftauchen können. Nicht alles muss sofort verständlich oder gefällig sein. Manche Dinge wollen erst entdeckt werden.
Was der Mai über das Leben verrät
Im Alltag neige ich natürlich trotzdem oft dazu, möglichst schnell vorankommen zu wollen, sofort Antworten zu finden und mich auf das zu konzentrieren, was noch fehlt. Währenddessen bleibt vieles unbeachtet, das längst vorhanden wäre und eigentlich nur darauf wartet, endlich wahrgenommen zu werden.
Auch in unserer alltäglichen Welt scheint mir die Geduld für Zwischentöne zunehmend verloren zu gehen. Alles soll eindeutig und sofort einordenbar sein. Möglichst klare Linien, möglichst schnelle Urteile, möglichst wenig Widerspruch.
Doch wirkliche Tiefe finde ich selten dort, wo alles übertönt wird.
Mehr Bereitschaft zum Zuhören, mehr Aufmerksamkeit für das Übersehene und mehr Neugier auf die Perspektiven, die sich nicht sofort in einfache Kategorien pressen lassen - das würde uns allen so gut tun.
Denn oft liegt gerade in dem, was sperrig, unbequem oder unfertig wirkt, etwas überraschend Wertvolles verborgen.
Die verschrumpelte Hagebutte erzählte mir davon - und von ihrer Begegnung mit der kalten, aber weisen Sophie.

Diese beiden Hagebuttlinge haben bereits ihr Zuhause gefunden – als überzeugende Vertreter ihrer (meiner) Art. Wer ebenfalls Gefallen an solchen Charakterköpfen findet, kann einen Blick auf meine aktuell verfügbaren Arbeiten werfen: Handverlesen.
Was ich in diesem Monat wirklich in die Hand genommen habe
Die Natur lädt mich ein, zu kombinieren, zu probieren, das Unerwartete zuzulassen – und das Übersehene aufzuheben. Wer neugierig ist, was dabei weiteres entstanden ist, findet noch mehr Arbeiten hier. Wahrscheinlich ist auch etwas dabei, das im ersten Moment nicht gefällig wirkt – und beim zweiten nicht mehr loslässt.
Wie diese beiden hier – nicht mehr knackig frisch und nicht auf Anhieb gefällig

Jeder Monat bringt mich auf unerwartete Ideen, die ich in meinem Journal festhalte.
Hier geht es zu den weiteren Monatsnotizen:
November – Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!
März – Die Kunst des Hinschauens
April – Finde heraus, was Du wirklich willst
Die Monatsimpulse sind mein Langzeitprojekt, das mit dem Jahreslauf wächst.
Sie sind jetzt auch als Podcast auf Youtube zu hören und unter dem Titel ZEIT für KUNST auch auf Spotify zu finden.

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