Über fliegende Diamanten, Schokoladenpapier und ein Löffelwappen aus Ulm
Der Juni hat das Wort. Draußen surrt und schwirrt es wieder, in den Hecken, den Wiesen, durch die warme Luft - dieses zarte, summende Orchester der kleinen Lebewesen, das mich jeden Sommer aufs Neue entzückt.
Nicht alle teilen meine Begeisterung, ich weiß. Wer jetzt innerlich schon „Ihhh!“ gerufen hat, darf sich aber beruhigt zurücklehnen: Meine Käferarten bleiben alle an ihrem Platz. Sie sitzen hinter Glas - nicht etwa, weil wir uns vor ihnen in Acht nehmen müssten, sondern weil sie umgekehrt Schutz vor uns brauchen, vor den Unbilden des Alltags, vor der unbedachten Hand, die in bester Absicht schnell zu viel bewegen will.

Wer genau hinsieht, entdeckt hier vielerlei Glanzkäferchen und krabbelnde Edelsteine mit gekritzelten Beinchen. Ich muss es gestehen: Diese Juwelen der Natur bringen mich erneut ins Schwärmen - und ich kann nicht anders, als auf jedes Krümelchen hin wieder mein Loblied zu singen. Ich hoffe, dass ich Sie dabei so mitreißen kann, dass auch Sie diese kleine Szene anziehen wird wie die Motten das Licht.
Also: von vorne
Was auf dem Tisch lag
Zweiglein vom Hartriegel. Früchte vom Pfaffenhütchen. Heideblüten, eine Lindenblüte, Tomatengrün. Rosenknospen, sehr klein. Schokoladenpapier - das glänzende, das man eigentlich wegwirft, das ich aber, wie sollte es anders sein, nicht wegwerfen konnte. Elektronische Widerstände, deren Drähte ich zu Schnecken gedreht habe. Und siehe da: der winzige Splitter einer Weihnachtskugel, der jetzt erst mit seinem silbrigen Glanz auf meinem Arbeitstisch auf sich aufmerksam machte.
Das war das Material. Soweit, so unverdächtig.
Was daraus wurde
Aus dem Schokoladenpapier entstanden Käfer - mit Fühlern aus elektronischen Widerstandsdrähten, die hier nun eine Würde ausstrahlen wie gehörnte Widder. Einige Käfer tragen den Körper einer winzigen Rosenknospe. Andere verdanken ihre Gestalt den Früchten des Pfaffenhütchens. Noch was? Achso, ja - Die kleinsten Käferchen sind aus Heideblüten entstanden.

Das Habitat
Zweiglein vom Hartriegel umranken die ganze Szene in schwungvoller Windung - ein luftiges Zuhause, das gleichzeitig Rahmen und Wildnis ist. Tomatengrün hat sich niedergelassen wie ein immergrüner Stern, gelandet am Rande des zarten Gefüges. Eine Lindenblüte spielt noch mit. Und einige weitere Pflanzenreste, die inkognito bleiben wollen - nicht alles muss hier haarklein bestimmt werden, und ich respektiere das.
Zusammengefasst: Wenn man nicht genau hinsieht, sieht man hier eigentlich nichts weiter von Bedeutung.
Das Gewicht der Dinge
Und dann ist da noch das Löffelwappen aus Ulm.

Ein bescheidenes Fundstück aus Emaille, das der ganzen Szenerie Gewicht gibt. Es ist mehr als eine beiläufige Ortsangabe. Eher ein Hinweis. Eine Antwort auf eine Frage, die dringend gestellt werden muss.
Wenn Sie also jemand auffordert: Sag mir, wo die Käfer sind!
Dann wissen Sie nun die Antwort:
In Ulm und um Ulm und um Ulm herum!
Diese Löffelwappen haben mich zu einer neuen Serie inspiriert – und ich bin überzeugt: Kunst auf kleinstem Raum hat eine höhere Bestimmung, als im Souveniershop zu hängen. Verschiedene Wappen verschiedener Wanderregionen tauchen seither in meinen Werken auf und tragen ihre ganze Herkunft mit sich – den Ort, den Ausflug, den Moment des Findens.
Apropos Wandern: Das ist das Stichwort. Die neue Werkgruppe heißt Wandertage – und ich lade ein, den Blick und die Gedanken gleich mit durch die Assemblagen wandern zu lassen. Meine eigene Wanderung durch diese Serie hat gerade erst begonnen. Weitere Stationen bzw. Werke werden folgen. Ich bin selbst gespannt, wohin mich diese Strecke führen wird. Danke, dass Sie mich ein Stück begleiten.
PS.: Noch etwas, was ich unbedingt weiter empfehlen möchte: Ein Roman über Freundschaft, Abenteuer und einen goldenen Käfer
Wer nun auf den Geschmack der Käfer gekommen ist, dem sei ein Buch empfohlen, das ich mit restloser Begeisterung gelesen habe – und von dem ich aus keinem anderen Grund erzähle als diesem: Es hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.
Miss Benson’s Beetle von Rachel Joyce – auf Deutsch erschienen als Miss Bensons Reise – erzählt die Geschichte zweier ungleicher Frauen, die im London der fünfziger Jahre aufbrechen: hinaus in die Welt, und gleichzeitig tief in ihr eigenes Leben hinein. Eine ungewöhnliche Freundschaft, eine abenteuerliche Reise – und mittendrin, als magische Figur: ein goldener Käfer, sagenumwoben und unerreichbar wie der heilige Gral. Mehr verrate ich lieber nicht - am besten bei der Buchhändlerin Ihres Vertrauens und vor Ort bestellen.

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