Endlich Sommer
Endlich Juni. Zeit für Ausflüge, für Wanderungen, für eine Tasse Kaffee auf der Hauptallee in Bad Pyrmont - und für all die Gespräche mit den lieben Menschen, die man im Winter selten gesehen hat.

Die Tage werden lang, die Wiesen üppig und das Licht fällt so großzügig durch die Fenster meines Ateliers, dass selbst die staubigen hinteren Ecken wieder auf sich aufmerksam machen.
Zu Beginn des Jahres war ich noch damit beschäftigt, überhaupt herauszufinden, was ich in diesem Jahr umsetzen will. Der Juni gibt mir nun zumindest bis zum frühen Nachmittag klare Impulse, um wieder leichter in den Flow zu kommen und neue Ideen einfacher umzusetzen.
Für diesen Monat wähle ich Rot.
Das Rot des Mohns, der bevorzugt dort wächst, wo niemand ihn geplant hat. Das Rot des Blutes, das unermüdlich durch uns hindurchströmt. Ein warmes, lebendiges Rot, das weder um Erlaubnis bittet noch sich für irgendetwas rechtfertigen muss.
Ein klares Ja zum Leben.

Juno – die Frau, die den Laden in Schwung bringt
Der Monatsname Juni leitet sich von der Göttin Juno ab – und das passt wunderbar. Denn Juno geht zurück auf die Muttergöttin Uni, die Allmächtige, die Urmutter allen Lebens.
Juno galt als Beschützerin, als Göttin weiblicher Kraft, Würde und Eigenständigkeit. Doch was mich an ihr interessiert, ist weniger das Feierliche als diese Vorstellung innerer Souveränität - die Fähigkeit, sich selbst nicht permanent optimieren zu müssen, um Bedeutung zu besitzen.
Gerade heute wirkt das beinahe widerständig.
Überall diese glatten Oberflächen, perfekt ausgeleuchteten Leben und sorgfältig kuratierten Selbstbilder, die aussehen, als hätten ihre Besitzer weder Zweifel noch schlechte Tage noch jemals versehentlich zwei verschiedene Socken angezogen. Dabei erscheint mir vieles davon einfach menschlich.
Juni, Uni, Universum… Eine Frau also, die weiß, was sie will, den Laden in Schwung bringt und alles zusammen hält.
Juno wirkt auf mich wie eine Frau, die morgens aufsteht und sofort weiß, was zu tun ist.

Ich hingegen verbringe jedes Frühjahr mehrere Wochen damit, ungeduldig auf den Sommer zu warten, nur um mich wenig später über Hitze, Trockenheit und Sonnenbrand zu beschweren. Irgendwas ist schließlich immer. Vermutlich gehört es zum Menschsein, dass selbst die schönsten Augenblicke selten ganz unbeschwert bleiben. Irgendwo sitzt fast immer schon der Gedanke daneben, dass all das wohl nicht ewig dauern wird.
Fundstücke und Faulheit
Die ersten wunderschönen Fundstücke des Sommers liegen jedenfalls bereits auf meinem Tisch: winzige abgefallene Kirschen, Samenreste vom Vorjahr, abgebrochene Blütenkelche von Mohnkapseln, von einer frisch gemähten Wiese gerettet. Frisches Grün und leuchtendes Rot - genau die Farben des Juni, nun also auch auf meinem Arbeitstisch angekommen.

Die Natur scheint keinerlei Interesse daran zu haben, alles auf eine einzige ideale Form zu reduzieren. Zum Glück. Sonst gäbe es vermutlich nur Mohn. Und Mohn allein wäre auf Dauer auch langweilig. Die Natur bringt auch Disteln, Dornen, krumme Zweiglein und Flatterulmensamen hervor und überlässt mir den Rest.
Das Licht in meinem Atelier ist in diesen Wochen wie gesagt fantastisch, die Materialauswahl ist groß und die Arbeit lockt.
Allerdings lockt sie mich nur bis zum frühen Nachmittag. Mein Atelier hat eine Fensterfront nach Süden - was im Winter ein Segen ist, wird im Sommer zur Prüfung. Irgendwann im Laufe des Nachmittages wird es schnell unerträglich warm. Ein Ventilator? Der Gedanke liegt nahe, aber da ich mit Vogelfederchen arbeite, mit gerade erst getrockneten Blättern der Venusfalle, mit Flatterulmensamen vom letzten Waldspaziergang - kann ich keinen Wind gebrauchen. Bei den allerkleinsten Arbeiten halte ich ohnehin schon den Atem an, damit kein Fliegenflügel verloren geht und kein Hälmchen verrutscht. Ein Ventilator würde mein halbes Atelier verwirbeln, bevor ich „Juno“ sagen kann.
Also passe ich mich an, wie die Natur es schon immer gemacht hat: morgens fleißig, nachmittags faul. Irgendwo im Schatten sitzen und genießen. Ich könnte es Kapitulation nennen - sommerliche Lebenskunst hört sich besser an.
Krähenfüße und Lachfältchen.
Was hat das jetzt alles nochmal zu tun mit der göttlichen Juno? Ganz klar: Juno wurde gern zusammen mit einem Pfau dargestellt - prachtvoll, majestätisch, mit hundert Augen im Federkleid. Meine Vogelwesen haben zwar eher die Pfauenfüße geerbt, ohne den überwältigen Federschmuck. Ihre staksigen Beinchen und krakeligen Füße sind auch weniger göttinnengleich. Aber mit ihren etwas schrägen Erscheinungen sorgen sie zumindest bei mir schon für ein Lächeln - auch wenn das auf Dauer bestimmt für noch mehr Falten sorgt.
Der große Unterschied zwischen Juno und mir? Sie muss sich als Göttin um Perfektion keine Gedanken machen. Sie hat selten mit Selbstzweifeln oder dem Gefühl zu tun, eigentlich längst weiter sein zu müssen. Sie ist allmächtig und stellt sich selbst gar nicht die Frage, ob sie gut genug ist. Das klingt nach einer großartigen Künstlerin, die sich nicht erst auf einem Kunstmarkt etablieren muss, um ernst genommen zu werden. Ich finde das sympathisch. Juno hätte vermutlich auch keinen Galeristen gebraucht.
Ich dagegen bemühe mich, meine künstlerischen Wege mit Humor zu gestalten. Ich kann nun mal nicht anders als gut gelaunt mit meiner Arbeit im Atelier weiterzumachen- auch wenn sich das bis in die Augenwinkel gräbt und dort seine eigenen Krähenfüße hinterlässt. Juno in ihrer mütterlichen Milde wird es mir nachsehen. Ich selbst bleibe aber streng mit mir, weil es einfach menschlich ist: es fällt mir schwer, die Krähenfüße in meinen Werken mit dem gleichen Wohlwollen zu betrachten wie die selbigen unter meinen Augen.
Ich mache trotzdem fröhlich weiter. Und der göttliche Plan dabei lautet: ständig auf der Suche nach der Perfektion im Unperfekten.

Mit meiner Kunst darf ich genau da weitermachen, wo ich gerade stehe. Göttinnengleich schöpfe ich aus dem, was ich habe. Nicht aus dem, was von mir verlangt wird.
Was gerade im Atelier entsteht
Wer sehen möchte, was aus Mohnkapseln, Fliedersamenkapseln, Papierschnipseln und weiteren bizarren Fundstücken wird - und welche Wesen gerade in meinem Atelier das Licht des Junis genießen - findet den Einstieg in meine aktuellen Arbeiten hier. Vielleicht ist auch etwas dabei, das ein Lächeln hinterlässt. Und ein paar Krähenfüße.
Außerdem habe ich mich vom Juni zu einer neuen Werkreihe inspirieren lassen. Die neue Serie heißt „Wandertage“ und hat was mit Löffelwappen zu tun.

Mit den besten Wünschen aus dem schattigen Nachmittag -
Magdalena
Jeder Monat bringt mich auf unerwartete Ideen, die ich in meinem Journal festhalte.
Hier geht es zu den weiteren Monatsnotizen:
November – Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!
März – Die Kunst des Hinschauens
April – Finde heraus, was Du wirklich willst
Die Monatsimpulse sind mein Langzeitprojekt, das mit dem Jahreslauf wächst.
Sie sind jetzt auch als https://www.youtube.com/watch?v=vMnAYkkBpIQPodcast auf Youtube zu hören und unter dem Titel ZEIT für KUNST auch auf Spotify zu finden.

Schreiben Sie Ihren Kommentar