Die Digitalisierung der Natur?

Ausschnitt aus der Assemblage "Digitalisierung der Natur? von Magdalena Hohlweg mit Telefonchipkarte, die einem Vogel aus einer Samenkapsel als Sitzplatz dient

Wer passt sich hier eigentlich an wen an? Über einen Eichelhäher und eine ausrangierte Telefonkarte

Manche Künstler schweigen über ihre Werke. Ich nicht so gerne. Ich bin detailversessen – und diese Arbeit aus meiner Reihe der „Federzeichen“ liefert genug davon, um in lyrischer Tiefe auf jedes Krümelchen einzugehen.

Ich habe einige kleine Behältnisse in meinem Atelier. Es sind diese Schachteln und Kästchen, mit denen ich dann meist Tage lang beschäftigt bin – und mich hinterher frage, wie ich eigentlich so viele Jahre ohne dieses eine vertrocknete Blatt einer Venusfalle ausgekommen bin, das jetzt offensichtlich unverzichtbar ist.

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In meinem Kabinett der Dinge, die niemand vermisst hätte, fand ich diesmal unter anderem: eine Blattknospe, Blütenreste vom Blauregen, Hummelflügel von geradezu anmaßender Zartheit, eine Erlenfrucht, besagtes Venusfallenblatt von meiner Fensterbank, ein gelbes Papierrestchen aus irgendeiner Verpackung, die ihren Dienst getan hatte, und eines von zwei kleinen Metallsternchen, die ich vom Bürgersteig an einer Bushaltestelle aufgelesen habe – weil sie dort lagen, und weil ich sowas meistens nicht übersehen kann.

Die bizarre Umrandung der ganzen Szene stammt von der Samenkapsel einer Palme. Kein exotisches Fundstück, aber ein durchaus besonderes: aus dem Palmengarten im Kurpark Bad Pyrmont. Ich habe diese Zweiglein also quasi vor meiner Haustür gefunden.

Das älteste Stück in diesem Werk ist die Eichelhäherfeder. Ich fand sie vor vielen Jahren auf einem Spaziergang in Hamburg – zusammen mit einigen weiteren Federchen dieser Art, die dort auf dem graubraunen Waldboden lagen und leuchteten, als würden sie unbedingt von mir mitgenommen werden.

Ausschnitt aus einer Assemblage von Magdalena Hohlweg mit Eichelhäherfeder und Blatt einer Venusfalle
Unschuldige Venusfalle an unverschämt leuchtender Eichelhäherfeder

Der Eichelhäher selbst ist ein ziemlich bemerkenswerter Vogel. Als Aufpasser im Wald ist er von wacher Aufmerksamkeit – unterscheidet mit bemerkenswerter Klarheit zwischen Bedrohung und harmloser Begegnung. Diese Entschiedenheit, finde ich, spiegelt sich in seinem kontrastreichen Gefieder auf das Schönste wider: keine halben Sachen, kein Grau. Außerdem imitiert er die Rufe von Greifvögeln, was ich für eine Form von Humor halte, auch wenn Ornithologen das vermutlich anders sehen. Und Vögel, die Handyklingeltöne nachahmen? Sollen vorkommen.

Die Chipkarte am Rand des Bildes ist eine ausrangierte Telefonkarte mit Adapter, die mir irgendjemand freundlicherweise überlassen hat – ohne zu ahnen, dass sie hier landen würde, zwischen Hummelflügel und Palmenkapselfragmenten, als ganz selbstverständlicher Anteil dieser kleinen Gemeinschaft. Ihr pures Magenta und das Himmelblau der Eichelhäherfeder – diese beiden haben sich offenbar einiges zu sagen.

My Chipcard is my Castle

Die beiden setzen den Rahmen, und dazwischen darf die quirlige Vogelschar das Sagen haben. Die Artenvielfalt von Blauregenamsel bis Erlenzeisig ist es, die dieses Werk zum Summen bringt. Ob sie aufeinander angewiesen sind? Ob sie sich kennen? Sich mögen? Ich weiß es nicht. Am Ende weiß ich nur eines gewiss: ich weiß nicht viel über dieses engmaschige Gefüge unserer Welt, und je länger ich hinschaue, desto mehr Fragen kommen hinzu.

Was mich dabei wirklich beschäftigt: Wie schafft es die Natur bloß, die Dinge einfach zu nehmen wie sie sind? Ohne Kommentar, ohne Klage – mit einer stillen Gelassenheit, auf die ich manchmal aufrichtig neidisch bin. Neue Klingeltöne im Wald, Chipkarten im Unterholz – die kleinsten Lebewesen gehen weiterhin ihren geheimnisvollen Beschäftigungen nach. Kein Schulterzucken. Keine Vorwürfe. Einfach: anpassen. Was übrigens die einzige Strategie ist, die wir Menschen gelassen hinnehmen - solange wir uns nicht selbst einschränken müssen.

Wenn`s mit dem Anpassen nicht mehr klappt, ist die Alternative dazu das Verschwinden ganzer Habitate. Meist, ohne dass wir es bemerken.

Was passiert alles um uns herum, während wir nicht hinsehen?

Aus dieser Frage ist dieses Bild entstanden – fertig, gerahmt, abgeschlossen, und dabei offen für jeden Blick, der die (Feder)Zeichen doch noch etwas genauer lesen will. Ein eigensinniges Gefüge auf wenigen Quadratzentimetern, das mehr andeutet, als es erklären will. Was Sie darin wiedererkennen, das überlasse ich herzlich Ihnen.

Auf der Produktseite erfahren Sie weitere wichtige Dinge, die ich hier noch für mich behalten habe. Vor allem aber - das Werk in seiner Gesamtansicht.

Diese Arbeit ist Teil meiner Reihe der Federzeichen – einer Serie, die noch wächst. Die anderen Arbeiten warten noch auf ihre Rahmung und damit auf ihren Auftritt im Werkraum. Aber Fragen dazu beantworte ich schon jetzt sehr gern – einfach per E-Mail


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