Bin ich süß?
Kuscheliges Weidenkätzchen und Kulleraugen - unheimlich niedlich.
Ein Vögelchen mit einem kugeligen Bäuchlein - das hat etwas von einem Kindheitstraum, der sich in Miniaturformat materialisiert hat. Und ja, meine Materialien sind zart, meine Formate winzig, meine Motive oft dem Register des Niedlichen entlehnt.

Nur: Die Natur, aus der diese Fundstücke stammen, nutzt diese Kategorie in Perfektion hauptsächlich zur Ablenkung. Ein Distelkopf, der im Gegenlicht aussieht wie ein zerzaustes Kuscheltier, ist tatsächlich eine Konstruktion aus Widerhaken, gebaut, um sich in Fell und Fleisch zu verankern. Eine Blüte, die uns mit Farbe und Duft betört, betreibt in Wahrheit die knallharte Fortpflanzungslogik einer Pflanze, die sich nicht selbst vom Fleck bewegen kann. Süß ist die Verpackung. Dahinter verbirgt sich fast immer ein Überlebensplan.

Genau in diesem Zwischenraum arbeite ich gern – zwischen zuckersüß und morbide. Meine Vogelskulpturen picken possierlich und in überbordender Fülle, während unsere Natur dahinzusterben droht. In meinen Insektenreihen tummeln sich hübsche Käferchen, erinnern aber an Geschöpfe, die im echten Leben stechen, beißen oder einfach unangenehm knistern, wenn man ihnen zu nahe kommt - und ebenfalls vom Aussterben bedroht sind.
Was Cuteness eigentlich ist
Inzwischen hat sich für dieses Phänomen ein eigener Begriff in der Kunsttheorie etabliert: Cuteness. Die amerikanische Kulturtheoretikerin Sianne Ngai beschreibt Cuteness in ihrem Buch „Our Aesthetic Categories“ als eigenständige ästhetische Kategorie – verknüpft mit allem, was klein, unbedeutend, unterlegen und scheinbar harmlos wirkt, mit dem, was allgemein als untergeordnet, trivial und vor allem ungefährlich wahrgenommen wird. Anders als das Schöne oder das Erhabene oder auch das Abschreckende entsteht das Süße nach Ngai vor allem im Verhältnis zu Konsumgütern und Warenwelt, geboren aus dem Wunsch nach einer einfacheren Beziehung zu den Dingen, die uns umgeben.
Der eigentliche Clou an ihrer Theorie: Cuteness ist selten so unschuldig, wie sie aussieht. Ngai beschreibt, wie das Niedliche gezielt Hilflosigkeit, Formlosigkeit und Unglück ästhetisiert – und wie in diesem Akt der Verniedlichung fast immer auch ein Stück Aggression steckt, ein unbewusster Versuch, das bewunderte Objekt zugleich zu schwächen und klein zu halten. Genau dieses Kippen zwischen Zärtlichkeit und Übergriff, zwischen Beschützerinstinkt und Herrschaftsgefühl, macht Cuteness zu einer weit unruhigeren Kategorie, als der erste Blick vermuten lässt.
Süß, aber nicht harmlos – Cuteness in der aktuellen Kunstszene
In Düsseldorf widmete das NRW-Forum der Ästhetik ein eigenes Ausstellungsformat unter dem programmatischen Titel „#cute. Inseln der Glückseligkeit?“ – mit dem Hinweis, dass allein der Hashtag #cute auf Instagram mit fast 700 Millionen Beiträgen zu den meistgenutzten überhaupt gehört.
In der Ausstellung „Love you for Infinity“ Im Sprengelmuseum Hannover fand ich die Nähe zwischen Niedlichkeit und Grusel greifbar. Mich hat z.B. eine riesige Manga- ähnliche Figur von Takashi Murakami in ihrer verstörenden und geradezu aufdringlichen Obszönität beeindruckt. Das japanische Wort für das Niedliche, kawaii, klingt wahrscheinlich nicht zufällig fast wie sein Gegenteil kowai – gruselig, schrecklich, und Murakamis Arbeiten lassen sich tatsächlich beiden Kategorien zuordnen. Hier noch ein aufschlussreicher Artikel zum Thema: Unheimlich niedlich: Cuteness in Kunst und Kultur
Auch London widmete dem Thema 2024 im Sommerset House eine große Gruppenschau schlicht mit dem Titel „CUTE“. Und die Kunsthalle Erfurt fragte 2025 in ihrer Ausstellung „The Cute Escape“ ganz direkt, ob Kunst mit weichen Formen harte Kritik üben kann - und wann aus Zuwendung etwas Politisches oder gar Radikales wird. Bemerkenswert auch, wie stark das Wort cute verbunden ist mit einer traditionell weiblichen Sphäre und - mit Kitsch.
Wo meine Arbeit anschließt – und wo nicht
An diesem Punkt sehe ich meine eigenen Miniaturwelten in bester Gesellschaft, aber eben auch mit einem eigenen Akzent. Die aktuelle Cute-Art-Bewegung bezieht ihre Motive meist aus Internetkultur, Spielzeug, Comicwelt oder digitaler Bildsprache. Meine Fundstücke dagegen sind bereits verwelkt, verloren oder zerbrochen, bevor sie überhaupt bei mir ankommen. Cuteness trifft bei mir auf realen Verfall.
Die Kunstwelt hat mit dem Süßen traditionell ein Problem. Heroische Marmorkörper, gewaltige Historienschlachten, tragische Aktfiguren – das gilt als bedeutend. Ein handgroßes Objekt aus Samenkapseln und Schmuckresten dagegen rutscht schnell in die Schublade Kunsthandwerk, Deko, nette Geste fürs Wohnzimmer. Dabei steckt in einer sorgfältig komponierten Miniaturcollage Beobachtung, Zeit und Risiko. Dass ausgerechnet das Kleine, Zarte, potenziell Süße seltener ernst genommen wird, sagt vermutlich mehr über die Kunstgeschichte aus als über die Objekte selbst.
„Bin ich süß?“ist meine Einladung, genauer hinzuschauen – damit sich hinter der niedlichen Oberfläche der eigentliche Plan zeigen kann.
