Was bleibt? Was geht?
Ich habe es wahr gemacht!
Im August noch sprach ich über den baldigen Umzug nach Schwelm. Dabei hatte ich mir vorgestellt, wie ich während des Packens bestimmt einen genaueren Blick auf jede einzelne meiner bisherigen Arbeiten werfen würde. Jedes Werk würde ich noch einmal in die Hand nehmen, bevor es, gut gepolstert, in einem Karton verstaut werden würde. Materialien wollte ich sichten und manches aussortieren.
Dass ich mein Vorhaben allerdings so gründlich umsetzen würde, war nicht mein Plan. Aber was sind schon Pläne, wenn das Leben dazwischenkommt.
Und so passierte es.
Jahrelang und bei vielen Gelegenheiten hatte ich es abwenden können dank meiner Umsichtigkeit. Aber dann - eine gut gefüllte Sortierkiste mit über die Jahre zusammengetragenen Fundstücken rutschte über die Kante des übervollen Tisches, auf dem bereits weitere Utensilien auf das Einpacken warteten.
Es geschah schnell und überraschend leise. Natürlich öffnete sich die Kiste noch im freien Fall. Natürlich verteilte sich der gesamte Inhalt unter dem Tisch, unter den Heizkörpern, hinter den Tischbeinen, unter dem Drucker. Kleinste Reste, Papierchen, Samen.
Dieser kleine Knopf mit der fehlenden Ecke – der würde sich gut als Randnotiz neben einem Insekt machen. Und diese winzig kleine Eichel, die ich gerade noch wegkullern sah. Ach, und dieses Papierschnipselchen. Das war doch noch ein Rest Verpackungsmaterial aus einem Geschenkkistchen unbekannter Herkunft. Zwei oder drei dieser kleinen roten Papierfähnchen finden sich schon in anderen Szenen, die ich bereits in Rahmen gesetzt hatte. Eine schöne Idee, dieses Element mal wieder zu verwenden.
Wann werde ich wohl wieder Zeit finden, dieser einen vertrockneten Rosenknospe den richtigen Platz zuzuweisen? Würde ich eines dieser Fundstücke je vermissen?
Oder doch den Staubsauger?
Natürlich habe ich mich gegen das schnelle Aufräumen entschieden. Natürlich bin ich stattdessen auf allen vieren über den Atelierboden gekrabbelt und habe jedes einzelne Teilchen wieder aufgeklaubt. Nun sind Samenschoten, Tannenzapfenschuppen, Flatterulmensamen, Knopfreste, Plastik- und Metallfundstücke zwar etwas anders sortiert, aber wieder verstaut. Wer weiß, was daraus noch werden kann.
Und wie passend: So komme ich, ohne mich in Belanglosigkeiten zu verlieren – wann würde ich das jemals tun? – direkt zum Werk des Monats.
Zwischen Himmel und Erde
…wo Libelle und Kartoffelkäfer sich begegnen

Im September wähle ich übrigens die Farbe Grün. Grün wie die Ampel, die den Weg freigibt für neue Ziele. Grün für den zielstrebigen Aufbruch und für die richtigen Entscheidungen.

Grün ist auch die Farbe der kleinen Grasfliege, die in meiner Assemblage „Zwischen Himmel und Erde“ eine Nebenrolle übernimmt. Hauptdarstellerin dieser spätsommerlichen Szene ist jedoch eine Libelle – wobei ihr Körper gar nicht von einer Libelle stammt. Das tut ihrer Glaubwürdigkeit allerdings keinen Abbruch.
Die letzten Sonnenstrahlen lassen die Libellen tanzen und mein Herz hüpfen
Den größten Teil ihres Lebens verbringen Libellen, meist für uns unsichtbar, als Larve in Teichen und Flüssen. Als farbenfrohe Luftakrobaten haben sie nur eine kurze Lebensspanne.

Auf den Wegen sammle ich neben all den Pflanzenresten, Knospen, Gräsern und Samen auch die unterschiedlichsten Zivilisationsreste - hier mal ein Papierchen, da ein Plastikteilchen. Auch Bonbonpapier liegt herum. Neben den Libellenflügeln finden sich darum weitere Überbleibsel des Sommers: Hier mal ein Kartoffelkäfer mit seinen hübsch gestreiften Flügeldecken - mit seinen eleganten Streifen will er bestimmt von seinem riesigen Appetit ablenken - Längsstreifen machen ja bekanntlich schlank.
Den ein oder anderen Marienkäfer sammle ich ebenfalls leblos auf. Die verschiedenen Marienkäferarten überwintern zwar, aber auch ihr Leben ist schnell zu Ende.
Die Chipkarte fügt sich nicht ganz nahtlos in den Libellenflügel ein - soll sie auch nicht - dafür ist ihr Geäst aus Leiterbahnen nicht filigran genug. Mit gefällt der Kontrast zwischen dem Hightech - Informationsträger und dem hauchzarten Naturwunder des Libellenflügels.
Der kleine blaue Kontrollzettel in der Ecke unten rechts lag genauso irgendwo in der Landschaft wie die verarbeiteten Gräser im Bild. Wer weiß, wer mit seinem gerade frisch erworbenen Sommer T-Shirt an der Fundstelle einen Spaziergang genossen hatte - der Aufkleber hat sich ganz unbemerkt aus dem Kleidungsstück gelöst und ist davon geflattert, um auf dem Bürgersteig kleben zu bleiben. Seine zerkratzte Oberfläche lässt vermuten, dass weitere Fußgänger dafür sorgten, dass das Zettelchen noch fester kleben bleiben konnte. Dieses Türkisblau des Zettelchens ist eine Referenz an die strahlenden Farben der großen Mosaiklibelle. Und auch das kleine rote Schnipselchen Bonbonpaper - es gehört ins Bild. So fügen sich Erinnerungen zusammen zu neuen Geschichten, die erzählt, betrachtet, bedacht und bezeugt werden wollen. Denn nur mit unserem Hinsehen finden sie überhaupt erst statt.
Andererseits gilt wie immer: In dieser Collage findet sich nichts von großartiger Bedeutung.
Und damit bin ich wieder beim Packen - inklusive Inventur, Zensur, Entrümpelung, Wandlung, Loslassen, Erneuerung. Mit diesem September endet für mich nicht nur dieser Sommer, sondern auch meine Zeit in Bad Pyrmont.
Ich werde vieles mitnehmen, manches lasse ich hinter mir.
Und? Was werden Sie Gutes mitnehmen aus diesem Sommer?
Die Monatsnotizen im Laufe des Jahres 2026:
November – Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!
März – Die Kunst des Hinschauens
April – Finde heraus, was Du wirklich willst
Juno - Die Kunst der Unvollkommenheit
Die Monatsnotizen sind mein Langzeitprojekt, das mit dem Jahreslauf wächst.
Sie sind jetzt auch als Podcast auf Youtube zu hören und unter dem Titel ZEIT für KUNST auch auf Spotify zu finden.

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