Narrenfreiheit für die eigene Perspektive
Dieser Monatsimpuls ist Teil der Jahresreihe „Dein Weg – deine Kunst“.
Den grundlegenden Gedanken dazu findest du im gleichnamigen Text:
Dein Weg – deine Kunst
Zugegeben: Der Februar kann grau und nass daherkommen. Und in meiner Erfahrungswelt waren Karneval und Kamelle auch nie die rettenden, kunterbunten Highlights. Für mich war diese narrische Zeit eher das bunte Grauen – fantasielose Kostüme, verschmierte Schminke, fade Witze. (Möglicherweise hatte ich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort die falsche Brille auf.) Jedenfalls in den Regionen in NRW, in denen ich lebte.
Hamburg und Bad Pyrmont sind ebenfalls eher karnevalsfreie Zonen, von kleinen Nischen einmal abgesehen. Echte Karnevalsfans erleben das ganz bestimmt anders. Sorry – für manche ist „Karneval“ ohnehin schon ein Unwort, dann muss es „Fasching“ heißen. Oder Fastnacht? Und auch zwischen Helau! und Alaaf! können bekanntlich tiefe Gräben verlaufen.
Und doch: Wird erst einmal gefeiert, ist alles erlaubt. Dann darf jede und jeder dabei sein – am liebsten kunterbunt, bizarr, provokant oder frech, hübsch oder hässlich. Alle sind willkommen.
Von der Narrenfreiheit zur Kunst
Wie komme ich also vom Karneval zur Kunst? Ganz einfach: Die Kunst hat Narrenfreiheit.
Übrigens: Köln und Düsseldorf – zwei große Kunstakademien, beide in ausgewiesenen Karnevalshochburgen. Eine bemerkenswerte Koinzidenz. Ob sich ihre Absolvent:innen selbst als Narren verstehen? Wohl eher nicht. Sie suchen ambitioniert nach ihrem Heiligen Gral, tief verborgen im Elfenbeinturm der Kunst. Ein Schelm, wer sich darüber lustig macht – Täterätä!
Am Ende schließt sich der Kreis: In Kunst und Karneval ist schließlich alles erlaubt.
Februar ist grau
Und welche Farbe wähle ich für diesen Monat? Grau.
Warum? Weil Grau die neutrale Bühne für die bunte Vielfalt ist. Auf Grau darf alles auftreten. Grau drängt sich nicht auf – es hält Raum. Es kommentiert nichts. Es lässt machen.
So wie sich im Karneval Hexen, Clowns, Scheichs, Elefanten, Drag Queens und Astronauten gemeinsam über die politische Weltlage lustig machen, so hat auch in der Kunst jede Sichtweise eine Bühne, eine Leinwand.
Perspektive statt Perfektion
Ohne Perspektive keine künstlerische Arbeit. Dabei meine ich hier nicht die unendlich vielen Möglichkeiten, Räume korrekt abzubilden – oder zu beweisen, dass es dieses „korrekt“ gar nicht gibt.
Ich meine die eigene Perspektive, unsere innere Haltung. So wie es zahllose räumliche Blickwinkel gibt, finden wir in der Kunst abertausende Wahrheiten und Standpunkte. Das ist inspirierend, wenn auch manchmal ein wenig anstrengend. Es gibt uns jedenfalls den Raum, mit unserer Kreativität neue Rollen auszuprobieren, andere Sichtweisen einzunehmen.

Kunst öffnet Räume für Toleranz, Begegnung und Austausch.
Kunst macht schlau
Die eigene künstlerische Arbeit kann zu einem Ort werden, an dem ich Dinge über mich entdecke, ohne gezielt danach zu suchen. Dabei finde ich meinen eigenen Stil nicht im luftleeren Raum, sondern indem ich mich für andere Werke und Techniken interessiere, mich mit unterschiedlichen Kunstrichtungen beschäftige, neugierig erforsche, wie Kunst und Gesellschaft in verschiedenen Regionen und Zeiten miteinander verwoben sind.
Ganz ohne Neid auf erfolgreiche Künstler:innen. Vielmehr mit Interesse: Welche Standpunkte vertreten sie? Welche Wege haben ihre Entwicklungen genommen? Was kann ich daraus lernen – nicht um zu kopieren, sondern um mich selbst besser zu verstehen.
Umschauen. Vergleichen. Kennenlernen. Und vor allem: den eigenen Weg finden. Der sich leider nicht abkürzen lässt. Oder zum Glück.
Wenn ich Kunst als Chance begreife, meine eigene Sprache, meinen Ausdruck zu entwickeln, dann kann ich von der Vielfalt um mich herum nur profitieren. Kunst ist Toleranz und Akzeptanz. Kunst ist die Möglichkeit, mich mit meinem Standpunkt einzubringen.
Und Kunst heißt auch: handeln.
Ob das eigene Werk allerdings breite Anerkennung findet, Fragen aufwirft oder vielleicht gar nicht wahrgenommen wird – all das sollte zumindest am Anfang nebensächlich sein. Die eigene Position überzeugend rüberzubringen, darf Zeit in Anspruch nehmen.
Fazit
Die eigene künstlerische Arbeit kann helfen, unsere unverwechselbare Perspektive zu finden. Meist nicht über Nacht – vielleich eher leise, unaufgeregt oder stockend, auf jeden Fall ist jeder Schritt auf dem Weg zur eigenen Kreativität es wert, ihn einfach weiterzugehen. In der Auseinandersetzung mit anderen Werken wachsen wir zusätzlich – und erweitern buchstäblich unseren Blick.
Kreativität und Kunst können verbinden. Sie öffnen neue Möglichkeiten, helfen uns, uns selbst und andere besser zu verstehen. Mitzusprechen. Mitzuhandeln.
Kunst beginnt nicht erst in Galerien und Museen, sondern bei jeder und jedem von uns. Manchmal am Küchentisch. Manchmal im Februar. In Grau.
Hast du Lust auf ein kleines Experiment?
Dann such dir doch – noch in diesem Februar – ein Werk oder eine Künstlerin, einen Künstler aus, den oder die du spontan eher schwierig findest. Vielleicht sogar ein bisschen grauselig.
Schau genauer hin. Informiere dich über Werdegang, Technik und Stil. Vielleicht findest du Interviews oder Anekdoten, vielleicht stößt du auf geschichtliche oder kulturelle Zusammenhänge. Am Ende hast du nicht nur etwas über das Woher und Warum dieser Kunst entdeckt – sondern im besten Fall auch deinen eigenen Standpunkt dazu ein Stück klarer vor Augen.
Oder du wagst dein ganz persönliches künstlerisches Abenteuer: Wähle eine Technik, die du noch nie ausprobiert hast. Neue Materialien, neue Motive. Dinge, bei denen du innerlich kurz zögerst – und dann trotzdem anfängst.
Ich selbst habe vor langer Zeit in einem kunsttherapeutischen Seminar eine spannende Methode mit sogenannten Gefühlskarten kennengelernt. Man zieht verdeckt eine Karte mit einem Gefühl: Traurigkeit, Wut, Angst, Einsamkeit …
Ich zog die Karte „Peinlich“.
Mein Werk sollte also für etwas stehen, das mir selbst peinlich wäre.
Es hat funktioniert. Ich nähte mir aus Stoffresten eine unglaublich alberne, schlecht sitzende Kappe. Eine echte Zumutung – zumindest für mich. Und da sind wir schon wieder beim Karneval: Diese Narrenkappe war mir so peinlich, dass ich sie nur kurz im Werkraum aufsetzte. Auf die Straße, im karnevalsfreien Hamburg, hätte ich mich damit ganz sicher nicht getraut.
Und du? Was hättest du gemacht?

mit dem peinlichen Hut
Kunst und Natur gehören zusammen. Hier findest Du die Impulse zum
Oktober, November, Dezember, Januar
Kunst ist Vielfalt. Alles ist erlaubt.
Ich wünsche Dir Farbe und Vielfalt
Magdalena

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