Februar –Vielfalt

Collage mit einem Vogelpärchen aus Pflanzenresten in Karnevalsstimmung

Narrenfreiheit für die eigene Perspektive

Dieser Monatsimpuls ist Teil einer Jahresreihe mit monatlichen, persönlichen Notizen
Den einleitenden Text dazu findest du hier:
Mein Weg zur Kunst - und zurück zur mir

Zugegeben: Der Februar kann grau und nass daherkommen, und in meiner Erfahrungswelt waren Karneval und Kamelle auch nie die rettenden, kunterbunten Highlights, die alles aufhellen. Für mich hatte diese narrische Zeit lange eher etwas vom bunten Grauen – fantasielose Kostüme, verschmierte Schminke und Witze, die schneller verpuffen, als man „Helau“ sagen kann. Möglicherweise lag es an mir, an der falschen Zeit oder am falschen Ort, vielleicht auch an der Brille, durch die ich damals geschaut habe. In den Regionen in Nordrhein-Westfalen, in denen ich gelebt habe, blieb jedenfalls wenig hängen, was mich wirklich begeistert hätte.

Später, in Hamburg und auch in Bad Pyrmont, änderte sich daran wenig, denn beide Orte sind eher karnevalsfreie Zonen, von kleinen, hartnäckigen Nischen einmal abgesehen. Wer Karneval liebt, wird das vermutlich ganz anders erleben, und ich will das auch gar nicht in Abrede stellen. Schon die Frage, ob man nun Karneval, Fasching oder Fastnacht sagt, kann ja erstaunlich schnell zu Grundsatzdiskussionen führen, und zwischen „Helau“ und „Alaaf“ verlaufen bekanntermaßen nicht nur sprachliche, sondern fast schon kulturelle Grenzlinien.

Und trotzdem: Sobald gefeiert wird, verschiebt sich etwas. Dann scheint plötzlich mehr möglich zu sein als sonst. Menschen verkleiden sich, probieren Rollen aus, überzeichnen, verdrehen, spielen mit Identitäten. Hübsch oder hässlich, laut oder leise, elegant oder völlig daneben – alles darf nebeneinander existieren, ohne dass es sofort eingeordnet werden muss.

Narrenfreiheit

An diesem Punkt komme ich fast zwangsläufig zur Kunst, denn auch sie kennt eine Form von Narrenfreiheit. Nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern als Raum, in dem Dinge ausprobiert werden dürfen, die sonst keinen Platz finden.


Dass ausgerechnet Köln und Düsseldorf, zwei ausgeprägte Karnevalshochburgen, zugleich bedeutende Kunstakademien beherbergen, wirkt auf mich wie eine bemerkenswerte Koinzidenz. Ob sich ihre Absolvent:innen selbst als Narren verstehen? Wohl eher nicht. Sie suchen ambitioniert nach ihrem Heiligen Gral, tief verborgen im Elfenbeinturm der Kunst. Ein Schelm, wer sich darüber lustig macht – Täterätä!

Am Ende schließt sich der Kreis: In Kunst und Karneval ist schließlich alles erlaubt.

Grau als Bühne

Wenn ich dem Februar eine Farbe zuordne, dann ist es Grau. Nicht als Mangel an Freude und Farbe, sondern als Fläche, auf der sich alles zeigen kann.

Grau hält sich zurück, es drängt sich nicht auf und kommentiert nichts. Es lässt Dinge erscheinen, ohne sie zu bewerten, und genau darin liegt für mich seine Qualität. Es ist wie eine Bühne, die nicht selbst im Mittelpunkt stehen will, sondern das sichtbar macht, was auf ihr geschieht.

So wie im Karneval unterschiedlichste Figuren nebeneinander auftreten können – Hexen, Clowns, Astronauten, Drag Queens oder Elefanten –, so bietet auch die Kunst einen Raum, in dem verschiedene Sichtweisen gleichzeitig existieren dürfen, ohne sich gegenseitig aufheben zu müssen.

Ausschnitt -CloseUp - einer Collage aus Pflanzenresten, die zu kleinen Vogelarten umgedeutet sind
Du, mein Augenstern -Ausschnitt

Die eigene Perspektive

Ohne Perspektive gibt es für mich keine künstlerische Arbeit, und damit meine ich nicht die Frage, wie sich Räume korrekt darstellen lassen oder ob es dieses „korrekt“ überhaupt gibt, sondern den eigenen Blick auf die Dinge, die innere Haltung, die sich nicht einfach übernehmen lässt.

Je mehr ich mich mit unterschiedlichen Arbeiten beschäftige, desto deutlicher wird mir, wie viele mögliche Standpunkte es gibt, und wie wenig Sinn es macht, nach der einen gültigen Wahrheit zu suchen. Diese Vielfalt kann anstrengend sein, weil sie Entscheidungen nicht leichter macht, aber sie eröffnet einen Raum, in dem ich meinen eigenen Weg überhaupt erst erkennen kann.

Kunst erlaubt es mir, verschiedene Rollen auszuprobieren, mich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen und dabei gleichzeitig genauer zu verstehen, wo ich selbst stehe. Sie schafft Begegnung, ohne sofort Einigkeit zu verlangen.

Zwei jecke Vögel - abgeschminkt (leider vergeben) Weitere Werke hier

Umschauen und verstehen

In meiner eigenen Arbeit wird vieles erst sichtbar, während ich mich damit beschäftige. Ich finde meinen Ausdruck nicht isoliert, sondern im Austausch mit dem, was bereits da ist – mit anderen Werken, anderen Techniken, anderen Zeiten.

Dabei geht es mir weniger um Vergleich im Sinne von besser oder schlechter, sondern um Orientierung. Mich interessiert, welche Fragen andere stellen, welche Wege sie gegangen sind und wie sich ihre Arbeit entwickelt hat. Nicht, um etwas zu übernehmen, sondern um meinen eigenen Standpunkt klarer zu sehen.

Dieser Prozess lässt sich nicht abkürzen. Er braucht Zeit, Umwege und manchmal auch die Erfahrung, dass etwas nicht funktioniert. Oder gerade deshalb.

Wenn ich Kunst als Möglichkeit begreife, meine eigene Sprache zu entwickeln, dann wird die Vielfalt um mich herum zu einer Ressource. Unterschiedliche Perspektiven schließen sich nicht aus, sie erweitern den Blick.

Kunst als Handlung

Kunst bleibt für mich nicht beim Denken stehen. Sie verlangt eine Form von Handlung, ein Tun, das nicht vollständig planbar ist.

Ob ein Werk gesehen wird, verstanden wird oder vielleicht unbeachtet bleibt, verliert an Bedeutung, wenn ich mich auf den Prozess konzentriere. Entscheidend ist zunächst, dass ich meinen eigenen Standpunkt ernst nehme und ihm Ausdruck gebe, auch wenn er sich noch verändert.

Das braucht Zeit. Und eine gewisse Bereitschaft, nicht sofort zu wissen, wohin es führt.

Im Februar beginnen

Wenn ich auf den Februar blicke, bleibt für mich weniger ein klares Ergebnis als eine Haltung. Die eigene künstlerische Arbeit kann helfen, die eigene Perspektive zu finden, nicht abrupt, sondern Schritt für Schritt, manchmal stockend, manchmal überraschend klar.

Im Austausch mit anderen Arbeiten erweitert sich dieser Blick weiter, und mit ihm die Möglichkeit, mich selbst besser zu verstehen.

Kunst beginnt nicht erst in Galerien oder Museen. Sie beginnt dort, wo ich anfange, mich einzulassen. Am Küchentisch, zwischen Papier, Stoffresten oder Fundstücken. Vielleicht an einem grauen Februartag.

Ein kleines Experiment

Manchmal hilft es, die eigene Perspektive bewusst zu irritieren. Ich suche mir dann Arbeiten oder Künstler aus, die mich zunächst eher irritieren oder sogar abschrecken, und versuche, genauer hinzusehen. Woher kommt das? Was steckt dahinter? Welche Entscheidungen wurden getroffen?

Oft verschiebt sich dabei mein Blick.

Oder ich gehe einen Schritt weiter und probiere selbst etwas aus, das mir zunächst fremd ist. Eine Technik, die ich noch nie verwendet habe, ein Material, das sich widersetzt, ein Motiv, bei dem ich kurz zögere.

In einem kunsttherapeutischen Seminar habe ich einmal mit sogenannten Gefühlskarten gearbeitet. Man zieht eine Karte, ohne zu wissen, was darauf steht, und setzt das gezogene Gefühl künstlerisch um. Ich zog „peinlich“.

Ich nähte mir aus Stoffresten eine völlig missratene, schlecht sitzende Kappe, die genau dieses Gefühl traf. Für mich war sie eine Zumutung, und ich habe sie nur kurz im Seminarraum getragen. Auf die Straße hätte ich mich damit nicht getraut, schon gar nicht im eher karnevalsfreien Hamburg.

Und doch hat genau diese kleine, unangenehme Erfahrung etwas verschoben.

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt:
Dass ich bereit bin, mich auf das einzulassen, was zunächst nicht passt.

Und du?
Was würdest du ausprobieren?

Magdalena Hohlweg mit Kunstexperiment: "Peinllicher Hut"
Immerhin gibt es noch ein verwackeltes Handy Foto von mir
mit dem peinlichen Hut

Was entsteht, wenn ich meiner eigenen Perspektive Raum gebe – zwischen Fundstücken, Papier und dem, was der Februar so hergibt – findet sich in einer handverlesenen Auswahl meiner aktuellen Arbeiten hier. Mehr oder weniger bunt, gefällig oder eher nicht: Schau selbst, was dich anspricht.

Kunst und Natur gehören zusammen. Hier findest Du die Notizen zum

Kunst ist Vielfalt. Alles ist erlaubt.

Ich wünsche Dir Farbe und Vielfalt

Magdalena


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    Eine Serie über Vogelfedern und ihre Geschichten Viele meiner Arbeiten zeigen vogelartige Wesen – Geschöpfe, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt und die doch irgendwo zwischen Erinnerung, Beobachtung und Fantasie ihren Platz verlangen. Und dennoch beschleicht mich immer wieder der Gedanke, dass ich von der tatsächlichen Vielfalt der Vogelarten unseres Planeten noch weit…

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Meine Gedanken finden sich in meinen Arbeiten wieder.

Handverlesene Werke

Gedanken, Beobachtungen oder Fragen zum Text?

4 Kommentare zu „Februar –Vielfalt“
  1. […] und selbst der trübe November, der zauberhafte Dezember wie auch der Januar in Orange und der Februar in Grau, der März in erdigem Braun und der launenhafte […]

  2. […] findest Du die rosaroten Einblicke in den Oktober, die Magie des Dezembers, den stillen Januar, den grauen Februar, den erdigen März, den launigen April, die Übersicht meiner monatlichen […]

  3. […] Februar ist zwar noch grau, aber es gibt ja […]

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