Zum Dahinschmelzen schön

Vogel aus Berberitzenfrucht mit Insektenflügeln auf Pflanzenrest – Detail aus einer Collage aus Fundstücken.

Über Reiher, Schlamm und die Kunst des Hinsehens

In den vergangenen Tagen haben wir uns den Winter noch einmal ausgiebig gegönnt. Spaziergänge durch stürmische Schneewehen, das Knirschen der Schritte, und dann diese Stille – weich und gedämpft, als hätte man Watte in den Ohren – das volle Programm, bitte sehr.

Nun ist Schluss damit. Die Straßen sind wieder frei, die Schienen auch, und ja: Das ist durchaus eine Erleichterung.

Was bleibt, ist Tauwetter. Und mit ihm diese spezielle Mischung aus Matsch, Grau und einer gewissen landschaftlichen Ernüchterung. Die Welt wirkt plötzlich wie ein unfertiger Entwurf, an dem jemand mit nassen Pinseln herumprobiert hat.

Zum Dahinschmelzen schön ist dieses Tauwetter nicht.

Aber dann – mitten in diesem schmuddeligen Einerlei – zeigt sich etwas Bemerkenswertes


Etwas Weißes.
Zu weiß für dieses Matschwetter.
Zu präsent, um es zu ignorieren: mein Blick schweift gedankenverloren bei einer Autofahrt über die graubraunen Felder (als Beifahrerin darf ich das). Plötzlich steht da ein außergewöhnlich heller Strich in der Landschaft, scheinbar unberührt vom Schmutz ringsum, als hätte er mit all dem nichts zu tun.

Kennst Du diesen Moment, wenn das Auge hängen bleibt und der Kopf noch hinterherkommen muss? Ist das ein Pfosten? Eine Plastiktüte? Ein Rest Agrarstretchfolie auf Abwegen?

Aber nein.
Es bewegt sich.
Es macht einen Schritt.

In der Stadt begegnet man ihm kaum. Doch draußen, entlang feuchter Wiesen, an Feldern oder nahe der Landstraßen, kann er plötzlich auftauchen – Ein großer Vogel von unglaublichem Weiß, der sich um Tarnung nicht im Geringsten bemüht und stattdessen leuchtend aus seiner Umgebung hervorsticht.

Der Silberreiher.

Beim ersten Mal war ich mir sicher, eine Erscheinung zu haben. Dieses Leuchten. Diese Ruhe. Diese beinahe überirdische Eleganz. Als wäre er nicht mit Plan hier gelandet, sondern hätte nur versehentlich kurz vorbeigeschaut. Ein Wesen wie aus einer filigranen japanischen Zeichnung. Ein hauchzarter, reinweißer Scherenschnitt, ausgespart aus der graubraunen Wirklichkeit.

Ein gefiederter Traum in Weiß – wirklich zum Dahinschmelzen schön.

Aber warum heißt der Silberreiher eigentlich Silberreiher, wo er doch weder silbern glänzt noch so unbeholfen wirkt wie seine bekanntere Cousine Frau Graureiher? Wahrscheinlich, weil ein Name wie „göttlich weißer Engelsvogel“, „Strahlender Federengel“ oder „Rehbeiniger Waldlichtvogel“ seiner nahen Verwandtschaft zur Familie der Reiher einfach nicht gerecht werden würde. (Mehr über den Silberreiher findest du hier.)

Den Graureiher wirst du schon gesehen haben. Er steht oft an Bachläufen, in Parks, am Gartenteich, bewegungslos. Seine Gestalt ist so leicht zu übersehen wie ein vergessener Regenschirm, während er bereits unbemerkt den gesamten Goldfischbestand vertilgt hat. Und wenn er sich schließlich krächzend in die Lüfte erhebt, wirkt er wie ein U-Boot mit Flügeln, das schwerfällig aus dem Wasser aufsteigt. Natürlich ist auch der Graureiher ein schöner, markanter Schreitvogel. Aber seine Erscheinung ist bei weitem nicht so leuchtend und erhaben wie die des Silberreihers.

Bei aller Verschiedenheit – die liebe Verwandtschaft lässt sich nicht leugnen. Denn der Silberreiher steht genauso wie der Graureiher knietief im Schlamm, um mit einem dolchartigen Schnabel seiner Beute aufzulauern. Sein blütenrein weißes Kleid zieht dabei allerdings schneller die Blicke auf sich. Darum bleibt er unseren Gartenteichen gerne fern.

Er bleibt eine besondere Erscheinung, deren Anmut die Stille weiter Landschaften verlangt. Und wer so strahlend aus dem Trüben heraus leuchtet, muss wohl etwas zu sagen haben: der Silberreiher ist augenscheinlich ein Verkünder der buddhistischen Lehre – schließlich heißt es dort:

die schönsten Lotuspflanzen wachsen im dicksten Schlamm

Genauso ist der Silberreiher: auf seine stille, aber unübersehbare Art leuchtet seine Schönheit und Eleganz genau dort auf, wo man sie am wenigsten erwartet. Ein leuchtender Moment, der sich aus dem Trüben erhebt – wenn man bereit ist hinzusehen.

Genug geschwärmt…

Collage mit fliegenden Vögeln aus Knospen und Insektenfllügeln
Wo ist er denn, der Silberreiher?

denn eigentlich wollte ich ja mein neues Werk vorstellen. Und Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte.

Hier sind weitere kleine Randfiguren zu erkennen…

Collage aus Naturfundstücken. Samen werden zu Vogelarten umgedeutet.
Sind das vielleicht Teichhühner im Gestrüpp?

Im Gegensatz zum Silberreiher ist dieser Zaungast tatsächlich silbern:

Collage mit Fundstücken und silbernem Vogel auf Aquarell
Kleiner silberner Teichrohrsänger

Aber ach - ich verliere mich mal wieder in den Details.

Hier zeigt sich also die komplette Szene. Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Gestalten sind, wie immer, rein zufällig.

Collage aus Planzenresten, die verschiedende Vogelarten darstellt. Originalgröße ca. 11 x 11 cm
Silberreiher am See · Originalgröße ca. 10 x 10 cm

Auf einen endgültigen Titel für diese kleinen Kreaturen aus Blütenresten, eingebettet in eine Landschaft aus geflochtenen, gefundenen Gräsern, mag ich mich noch nicht festlegen. Auch die Rahmung ist noch offen. Mehr dazu folgt – versprochen.

Die vorgestellte Collage ist der Beginn einer neuen Serie. Zwei weitere Szenen werden die Reihe vervollständigen – mit weiteren unverhofften Entdeckungen an Orten und in Zeiten, die eigentlich nichts Besonderes versprechen.

Doch davon erzähle ich im nächsten Newsletter.

Und weil mich die kleinsten Details einfach nicht loslassen, endet dieser Beitrag mit einem letzten Ausschnitt: dem Berberitzenstelzvogel.

Ausschnitt aus einer Collage - Die Frucht einer Berberitze ist mit Fliegenflügeln ergänzt in einen Vogel umgedeutet.
Ich bin dann mal weg!

Die Reise der Collagen-Serie geht weiter – sei dabei im Newsletter.

Wenn du sofort mehr über die Inspirationen dieser Reise erfahren möchtest, kannst du hier weiterlesen – vom Frust an grauen Tagen bis zu den neuen Ideen der dunklen Jahreszeit.


Mit den besten Wünschen

Magdalena

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