Kunst ist ein Grundrecht
Es gibt unendlich viele Meinungen darüber, was Kunst ist, was sie darf, was sie soll, was sie muss.
Definitionen und Urteile. Schulen, Strömungen und Maßstäbe.
Ich habe lange gemeint, allen zuhören zu müssen, mich ihnen oder wenigstens einer von ihnen anpassen zu müssen. Manches hat mich inspiriert, manches eher gelähmt.
Vor allem am Anfang meiner künstlerischen Arbeit waren diese Stimmen oft so laut, dass mein eigener innerer Ton kaum noch hörbar war. Ich habe mich selbst in allem nicht finden können. Auf der Suche nach dem „richtigen“ Weg kann man sich erstaunlich gründlich verirren – obwohl der wichtigste Ausgangspunkt viel näher liegt, als wir denken.
Kunst ist Perspektive.
Kunst ist Wahrnehmung.
Und jede Sichtweise ist so einzigartig wie der Mensch, der sie einnimmt.
Der eigene Blickwinkel als Ausgangspunkt
Ich bringe meine Sicht auf die Welt mit – geprägt durch Erfahrungen, Lebensumstände, Herkunft, Körper, Beziehungen, Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Der eigene Standpunkt ist kein Mangel, den ich überwinden müsste. Er ist mein Startpunkt.
Nicht im Sinne von: So bin ich nun mal.
Sondern im Sinne von: Von hier aus gehe ich los.
Meine Perspektive ist nichts Starres. Ich kann sie erforschen, befragen, vergleichen, erweitern. Sie ist beweglich, lernfähig, lebendig. Und sie ist mir heilig – nicht als Endpunkt, sondern als Fundament.
Kunst macht sichtbar
Nicht erst auf Ausstellungen oder vor Publikum.
Kunst ist der Spiegel, in dem ich mir selbst begegne – mit all meinen Facetten.
Sie ist mehr als: Schau mal, was ich Schönes gemacht habe.
Kunst ist Auseinandersetzung mit meinem Erleben.
Mit meinen Lebensbedingungen und Umständen, in denen ich mich wiederfinde – oder aus denen ich ausbrechen will.
Im künstlerischen Arbeiten begegne ich mir oft klarer und ehrlicher als im Alltag. Nicht, weil Kunst mir fertige Antworten liefert, sondern weil sie mich zwingt, genau hinzusehen. Das ist manchmal auch unbequem. Aber äußerst aufschlussreich.
Aus diesem genauen Hinsehen entsteht etwas Wesentliches: meine innere Position.
Und aus dieser Position wächst Haltung.
Haltung ist kein Stil, sondern Substanz
Überzeugend wird Kunst, wenn Werk und Präsenz aus derselben Quelle sprechen.
Nicht ihre äußere Erscheinung macht z. B. YaYoi Kusama unverwechselbar, sondern die Konsequenz, mit der sie Werk und Auftreten zu einer Einheit formt.
Und vielleicht irritiert uns das Lächeln der Mona Lisa bis heute nicht wegen seines Geheimnisses, sondern wegen der selbstbewussten Haltung, mit der sie uns begegnet.
Wenn die Kunstwelt den Blick verstellt
Die etablierte Kunstwelt kann inspirierend sein – und gleichzeitig den eigenen Blick komplett verstellen.
Vergleiche, Bewertungen und Marktlogiken schienen mit Maßstäbe zu setzen, noch bevor ich meine eigene Sprache überhaupt finden konnte.
Erst nach vielen Irrungen und Wirrungen konnte ich klar erkennen: gerade am Anfang war mein eigener Standpunkt der beste, den ich einnehmen konnte.
Nicht der höchste, klügste oder der einzig richtige.
Sondern der ehrlichste.
Von dort aus wurde Bewegung möglich. Entwicklung und Wachstum. Natürlich bin ich auch Umwege gegangen und bin in Sackgassen gelandet. Die gehören offensichtlich dazu, ob man will oder nicht. Und jeder vermeintliche Irrtum brachte mir neue Einsichten.
Kunst als Sprache
Ich habe Kunst wie eine Sprache gelernt.
Mit der Zeit kamen neue „Vokabeln“ dazu: Techniken, Materialien, Experimente und Formen. Mein Ausdruck wurde differenzierter, präziser und vielschichtiger. Ich entwickelte mein eigenes Profil weiter.
Anders als beim gesprochenen Wort bin ich in der Kunst viel freier, eigene Ausdrucksformen zu entwickeln – jenseits von Floskeln und festen Regeln. Das ist befreiend. Manchmal zwar auch anstrengend, auf jeden Fall lohnenswert.
Der Vergleich mit anderen Künstler*innen ist für mich dabei wertvoll. Nicht, um mich anzugleichen, sondern um mich zu verorten:
Was berührt mich? Was stößt mich ab? Was fehlt mir?
Und wo will ich ganz sicher nicht hin?
Die Macht der Kunst
Kunst hat Macht.
Nicht, weil sie laut ist – sondern weil sie sichtbar macht.
Sie macht mich handlungsfähig, weil sie Klarheit schafft:
über meine Bedürfnisse, meine Grenzen, meine Wünsche und Ziele.
Sie schafft Verbindung – zu anderen Menschen, zu anderen Denkeweisen und gemeinsamen Fragen.
In diesem Sinne ist Kunst für mich kein Luxus. Sie ist mein Recht auf Ausdruck und die persönliche Wahrnehmung.
Eine Einladung, die eigene Perspektive ernst zu nehmen – und weiterzuentwickeln.
Kunst ist ein Grundrecht.
Kunst holt mich aus dem Konsum – ins eigene Schaffen.
Ein Jahresweg in Impulsen
Dieser Text bildet den Auftakt zu einer Reihe von Monatsimpulsen, die sich über das Jahr erstrecken. Jeder Monat wird einen eigenen Fokus setzen – als Einladung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg – künstlerisch, forschend, reflektierend oder experimentierend.
Nicht als Anleitung oder Rezept, sondern als Einladung.
Vertraue Deiner eigenen Kreativität.
Denn:
Jeder Weg ist anders, und dein Schaffensdrang entfaltet sich genau dort, wo du gerade stehst, Schritt für Schritt auf deinem eigenen Weg.
Hier geht es zu den Monatsimpulsen:
November – Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!
Hin und wieder mache ich auch gerne filmische Experimente. Einen Link dazu findest du beispielsweise in meinem Blog Artikel zur Frage nach der Definition für Kunst.

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