Ein Widerspruch in zwei Silben
Schmetterlinge üben mit ihrer schier unerschöpflichen Vielfalt, ihrer Fragilität und ihrem geheimnisvollen Erscheinen eine große Faszination aus. Sie wirken wie kleine Boten aus einer anderen Welt – farbige Flügelschläge zwischen Jetzt und Ewigkeit. Ihre Schönheit ist so überirdisch, dass wir sie festhalten wollen. Behalten. Sicherstellen. Am liebsten für immer.
Also sammeln wir sie.
Hinter Glas.
Mit Nadeln.
Mit Etiketten.
Mit lateinischen Namen, die sehr klug klingen und erstaunlich wenig berühren.
Ok?
Oder doch eher: nicht ok?
Was wir lieben, nicht besitzen zu wollen, bleibt eine Herausforderung für unser menschliches Dasein. Die Dinge zu lassen, wie sie sind. Nicht eingreifen zu wollen. Nicht ausnutzen. Nicht vereinnahmen. Nicht konservieren, nur weil wir Angst haben, dass das Schöne sonst verschwindet. Eine Aufgabe, die für unser Zusammenleben – und für unseren Planeten – überlebenswichtig geworden ist.
Schmetterlinge sind in diesem Sinne große Lehrmeister in sehr kleiner Gestalt. Sie erinnern uns daran, dass Schönheit ein Ereignis ist, kein Eigentum. Dass das Kostbarste oft genau in dem Moment existiert, in dem es sich unserem Zugriff entzieht. Wer je versucht hat, einen Schmetterling zu fotografieren, weiß: Kaum ist er scharfgestellt, ist er weg. Als würde er sagen: „Danke für die Aufmerksamkeit. Mehr gibt’s heute nicht.“
Psychologisch betrachtet berühren Schmetterlinge etwas Tiefes in uns. Sie stehen für Verwandlung, Leichtigkeit, Neubeginn. Für die Hoffnung, dass aus dem scheinbar Unscheinbaren etwas Wunderbares werden kann. Kein Wunder also, dass wir sie idealisieren – und paradoxerweise genau dadurch in Gefahr geraten, ihnen das Leben zu nehmen. Aus Liebe, versteht sich. Die gefährlichste aller Motivationen.
Ein Schmetterling.
Ein Sammlerstück.
In einer Tüte.
Er flattert im Wind.
In der Tüte.
An einem Haken.
Er wird nicht mehr fliegen.
„Loslassen“ ist zweisilbig, aber untrennbar geschrieben. Schon darin liegt der innere Konflikt des Wortes. Es besteht aus zwei Bewegungen, die sich eigentlich widersprechen: los und lassen.
„Los“ für Weggehen, Auflösung.
„Lassen“ dagegen ist weicher, beinahe fürsorglich – etwas nicht festhalten, aber auch nicht wegstoßen.
Das Wort selbst verweigert eine saubere Lösung. Es sagt nicht: Entweder–oder, sondern: Beides zugleich.
Loslassen heißt:
Nicht mehr bestimmen – aber würdigen.
Nicht festhalten – und trotzdem da sein.
In diesem Sinn ist „Loslassen“ ein Wort voller Widersprüche, aber auch einer Weiterentwickling.
Für all diese widersprüchlichen Gedanken steht der Titel des minimalistischen Films
Loslassen ist ein Wort
Unten findest du den Film auf Youtube
Loslassen ohne Erwartungen und ohne Bitterkeit – das ist nicht immer einfach.
Loslassen ist ein gehaltvolles Wort.
Kein Wegwerfen. Kein Sich-nicht-mehr-kümmern.
Eher ein respektvolles Öffnen der Hand.
Es ist mit Bedacht und Respekt anzuwenden.
Und vielleicht auch mit einer Prise Humor:
Nicht alles, was uns verzaubert, muss gerahmt werden.
Manches darf einfach weiterflattern.
In der Luft.
Im Leben.
In unserer Erinnerung.
Mit den besten Wünschen
Magdalena

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