Kunst ist ein Grundrecht
Es gibt unendlich viele Meinungen darüber, was Kunst ist, was sie darf, was sie soll, was sie muss.
Definitionen. Urteile. Schulen. Strömungen. Maßstäbe.
Sie können inspirieren – und sie können lähmen.
Gerade am Anfang der eigenen künstlerischen Arbeit wirken diese Stimmen oft so laut und so mächtig, dass der eigene innere Ton kaum noch hörbar ist. Auf der Suche nach dem richtigen Weg kann man sich schnell verlieren. Dabei liegt der wichtigste Ausgangspunkt viel näher, als wir denken.
Kunst ist Perspektive.
Kunst ist Wahrnehmung.
Und diese Perspektive ist so einzigartig wie der Mensch, der sie einnimmt.
Die eigene Perspektive als Ausgangspunkt
Jede Künstlerin, jeder Künstler bringt eine eigene Sicht auf die Welt mit:
geprägt durch Erfahrungen, Lebensumstände, Herkunft, Körper, Beziehungen, Wünsche, Ängste, Hoffnungen. Diese Perspektive ist kein Mangel, den es zu überwinden gilt – sie ist der Startpunkt.
Nicht im Sinne von: „So bin ich nun mal.“
Sondern im Sinne von: „Von hier aus gehe ich los.“
Die eigene Perspektive ist etwas, das man erforschen, befragen, vergleichen, verstehen und erweitern kann. Sie ist beweglich, lernfähig und lebendig.
Und sie sollte jeder Künstlerin, jedem Künstler heilig sein – nicht als Endpunkt, sondern als Fundament.
Kunst macht sichtbar
Nicht erst auf der Bühne vor großem Publikum – sie ist der Spiegel, in dem wir uns selbst in all unseren Facetten begegnen.
Kunst ist mehr als: Schau mal, was ich Schönes gemacht habe.
Sie ist Auseinandersetzung.
Mit dem eigenen Erleben und eigenen Lebensbedingungen.
Mit Umständen, in denen wir uns wiederfinden – oder aus denen wir ausbrechen wollen.
Mit all unseren inneren Konflikten, Sehnsüchten, Widerständen und Fragen.
Künstlerisches Arbeiten kann ein Raum sein, in dem wir uns selbst begegnen – oft klarer und ehrlicher als im Alltag. Nicht, weil Kunst Antworten liefert, sondern weil sie gute Fragen stellt.
Wenn die Kunstwelt den Blick verstellt
Die etablierte Kunstwelt kann inspirierend sein – und gleichzeitig den eigenen Blick vollständig verbauen.
Vergleiche, Bewertungen, Hierarchien, Marktlogiken:
Sie setzen Maßstäbe, bevor wir überhaupt gelernt haben, unsere eigene Sprache zu hören.
Gerade zu Beginn ist der eigene Standpunkt der beste, den man einnehmen kann.
Nicht der „höchste“, „klügste“ oder einzig „richtige“.
Sondern der ehrlichste.
Von dort aus ist Bewegung möglich. Entwicklung und Wachstum.
Kunst als Sprache
Kunst lässt sich lernen wie eine Sprache.
Mit der Zeit kommen neue „Vokabeln“ dazu: Techniken, Materialien, Experimente, Formen. Der Ausdruck wird differenzierter, präziser, vielschichtiger. Er bekommt Profil.
Anders als beim gesprochenen Wort kann ich in der Kunst vollkommen frei eigene, neue Ausdrucksformen finden – jenseits von üblichen Floskeln und festen Regeln.
Der Vergleich mit anderen Künstler*innen kann dabei wertvoll sein.
Nicht, um sich anzugleichen, sondern zur Reflexion:
Was berührt mich? Was stößt mich ab? Was fehlt mir? Wo will ich hin – und wo nicht?
Die Macht der Kunst
Kunst hat Macht.
Nicht, weil sie laut ist – sondern weil sie sichtbar macht.
Sie kann uns handlungsfähig machen, indem sie Klarheit schafft:
über unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen, unsere Wünsche.
Sie kann Verbindung schaffen – zu anderen Menschen, zu anderen Perspektiven und gemeinsamen Fragen.
In diesem Sinne ist Kunst kein Luxus.
Sie ist ein Grundrecht.
Ein Recht auf Ausdruck.
Ein Recht auf Wahrnehmung.
Ein Recht darauf, die eigene Perspektive ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln.
Ein Jahresweg in Impulsen
Dieser Text bildet den Auftakt zu einer Reihe von Monatsimpulsen, die sich über das Jahr erstrecken. Jeder Monat wird einen eigenen Fokus setzen – als Einladung zur künstlerischen Auseinandersetzung, zur Selbstbefragung, zum Experiment.
Nicht als Anleitung oder Rezept.
Sondern als Angebot.
Denn:
Dein Weg ist dein Weg.
Und deine Kunst ist genau dort richtig, wo du gerade stehst.

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